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Sie liegen mitten in der Landschaft, oft an abgelegenen versteckten Orten: Große mystische Steine, offenbar in grauer Vorzeit zusammengetragen und übereinandergestapelt. Kein Wunder, dass die Menschen späterer Zeiten glaubten, dass Hünen, also Riesen hier am Werk gewesen seien. Entsprechend nennt man diese Anlagen bis heute gerne „Hünengräber“. Die Fachleute sprechen lieber von „Megalithanlagen“, ein Begriff, der aus dem Griechischen stammt. „Mega“ heißt nichts anderes als „groß“ und ein „lithos“ ist ein Stein.
Diese Art von Anlagen gibt es in ganz Norddeutschland, in Skandinavien, aber auch auf den britischen Inseln und die gesamte europäische Atlantikküste entlang; ein sehr großes Verbreitungsgebiet mit weitgehend einheitlicher kultureller Formensprache, und das, obwohl die Menschen der damaligen Ackerbauerkultur sich nur selten außerhalb ihres angestammten regionalen Raums bewegt haben dürften. Offenbar gab es jedoch Personengruppen, die unterwegs waren und kulturelle Vorstellungen transportierten. Sicher ist, dass es schon einen weitverzweigten Handel gegeben hat. So hat man in einem der hiesigen Gräber eine Bernsteinperle gefunden, die auf den Handel mit dem Ostseeraum oder Skandinavien verweist. Vielleicht gab es aber auch wandernde Fachleute oder ganze Bauwerkstätten wie viele Jahrtausende später, als die großen mittelalterlichen Kathedralen gebaut wurden.
Doch warum dieser kolossale Aufwand, der für spätere Generationen geradezu unerklärlich war?
Zunächst einmal ist festzustellen: Wenn die Menschen vor rund 5000 Jahren diese Anlagen errichtet haben, dann hatten sie augenscheinlich Zeit und Mittel dazu, verfügten über ein großes technisches Geschick, und sie empfanden offenbar die Notwendigkeit.
Als erste Voraussetzung muss man die Arbeitsteilung annehmen. Offenbar konnten Kräfte freigesetzt werden, die man für diesen Zweck abstellte. Eine andere Voraussetzung ist eine gewisse gesellschaftliche Hierarchisierung, d.h. irgendjemand muss beschlossen haben, diese Anlagen zu bauen, und muss dafür gesorgt haben, dass die Planung auch umgesetzt wurde. Beide Aspekte bedingen eine gewisse Größe der sozialen Gruppe.
Oft lagen diese Anlagen an Plätzen, die erhöht waren und ihrerzeit gut sichtbar. Sie waren bedeckt von Erdhügeln, sodass die Anlage gewissermaßen eine künstliche Höhle ergab.
Interessanterweise haben die Lebenden dieser Zeit kaum Reste hinterlassen, es gibt kaum zuzuordnende Siedlungsspuren, aber das Grab, das sicher einmal das kulturelle Zentrum einer Gruppe über viele Generationen hinweg gebildet hat, steht noch heute hier.
Rund um Lindern standen 7 bekannte Steinanlagen, von denen noch 6 existieren.

Der Linderner Vikar Wempe, der sich für die Hinterlassenschaften der Altvorderen interessierte, berichte im Jahr 1895 über die Hünensteine am Herrensand: „Unter den beiden mächtigen Decksteinen ist eine Höhle. Der Boden besteht aus Sand und Steingeröll, zwischen welchem viele Urnenscherben sind. Weil ich diese suchte, wühlte ich öfters mit einem Stock im Boden herum, und dabei fand ich eine Quarzkugel. Außerdem fand ich bei jenen Steinen einige Meter entfernt, oben auf dem Bode einen Steinkiel, klein, aber zugeschliffen. Ich habe alles Gefundene später dem Kammerherrn von Alten für das Großherzogliche Museum in Oldenburg gegeben.“
Bei dieser Schilderung graust es jeden Archäologen. Aber dennoch: Der Vikar, war einer der ersten, die sich überhaupt für die Anlagen interessierten. Bei der bäuerlichen Bevölkerung wurden sie bis dahin lediglich als Steh-Im-Weg oder als Steinbruch wahrgenommen.