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Grenzbahnhof

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Das hier nennt sich Bahnhof, aber ich hab das Gefühl, in einem Hochsicherheitstrakt einzusitzen. Ein kleiner Käfig im großen Käfig DDR. Schwanheide – klingt schön, nach Schwanensee, nicht nach Sperrgebiet und abgeriegeltem Grenzbahnhof.

Wir sitzen im Gebäudetrakt für so genannte Binnenreisende, warten auf die Abfahrt nach Schwerin. Auf den Bahnsteig lässt man uns noch nicht. Wir müssen warten, bis das Eisengittertor geöffnet wird, und dann – nach einer akribischen Kontrolle von Passierschein, Ausweis und Fahrkarte – sofort in den Zug steigen.

Es wird scharf aufgepasst, dass sich bloß kein unbefugter DDR-Bürger auf dem Gelände herumtreibt. Er oder sie könnte ja eine Republikflucht planen. Auf die Gleise runterklettern und in Richtung Büchen, gen Westen türmen. Das gesamte Bahnhofsareal ist eingezäunt – bis auf die Streckengleise, die führen geradewegs in die Freiheit. Er oder sie könnte sich auch irgendwo verstecken und auf einen Transitzug warten und aufspringen.

Quatsch! Wie soll das funktionieren, bitte?

Hier wimmelt es doch von Uniformierten: Zöllner, Passkontrolleure – und zusätzlich Grenzsoldaten auf Brücken über den Gleisen, die permanent alles beobachten. Im Dunkeln helfen ihnen Flutlichtstrahler. Nicht mal ‘ne Maus im Schotter würde ihnen entgehen, schätze ich.

Drüben im Transitbereich möchte ich jetzt sitzen. Einen Happen im Mitropa-Restaurant essen und dann den nächsten Zug nach Hamburg nehmen. Hamburg, das Tor zur Welt! Da würd’ ich so gern mal hin.

Zwei Ausreiseanträge wurden abgelehnt. Ich muss wohl warten, bis ich alt bin. Rentner dürfen ja einmal im Jahr raus oder sogar übersiedeln. Die sind ja nicht mehr so wertvoll für den Staat, die kosten nur, haha.

So, der Zug ist abfahrbereit. Das Tor geht auf. Doch das Tor zur Welt ist es nicht.

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