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„Hochedler und hochgelehrter, hochgeehrtester Herr Amtmann. Es ist meine Gemeinde schon seit vielen Jahren darauf bedacht und dahin geneigt gewesen, gerne eine Orgel in der Kirche hierselbst haben zu wollen.“
So ausgesucht höflich schreibt der Ochtersumer Pastor Bernhardi Anno 1732 an den Amtmann von Esens, der den Brief nur wenig später an den ostfriesischen Landesherrn Fürst Georg Albrecht weiterleitet.
Und Bernhardi hat Glück, denn die Antwort seiner Durchlaucht ist durchaus in seinem Sinne: „Wir haben gnädigst erlaubet, dass zu Ochtersum eine Orgel erbauet werden. Wir verbleiben Euch mit Gnaden wohlgewogen. Georg Albrecht.“
Die Finanzierung ist ebenfalls geregelt, da der weitsichtige Pastor schon eine ganze Weile in seiner Gemeinde Spendengelder eingesammelt hat. Finanziell durchaus ein Kraftakt, aber Berhardi weiß, was er will. Das wird auch in dem Kontrakt deutlich, den er mit dem Herforder Orgelbauer Christian Klausing schließt. Dessen Familienbetrieb verfügt über einen untadeligen Ruf und hat sich auf Orgeln spezialisiert, die nicht so furchtbar überdimensioniert sind. Genau das, was Bernhardi braucht. Darüber hinaus handelt er gewisse Eigenleistungen heraus. Die Teile der Orgel werden zwar in der Herforder Werkstatt gefertigt, aber der Zusammenbau muss natürlich in Ochtersum stattfinden. Die Verschickung bis nach Leer ist inklusive, aber den Transport vom Hafen nach Ochtersum leistet die Gemeinde mit drei heugepolsterten Leiterwagen selbst. Auch Kost und Logie für den Meister während des Aufbaus in der Kirche bringt die Gemeinde mit ein, ebenso einen zusätzlichen Gehilfen. Satte 400 Reichstaler ist Ochtersum schließlich bereit, für seine Orgel zu berappen. – Und dennoch sind das um die 100 Reichstaler weniger, als Bernhardi zunächst veranschlagt hatte.
Aber der Pastor hat nicht nur klare geschäftliche Vorstellungen, sondern auch musikalische. Tonspektrum und Pfeifenarsenal der Orgel sind selbstverständlich Teil des Kontraktes. Wenn Sie heute also dem Spiel der Ochtersumer Orgel lauschen, dann hören Sie den Klang, den sich Pastor Bernhardi vor fast 300 Jahren vorgestellt hat! Jedenfalls nahezu. Natürlich hat die Orgel seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1737 einiges erlebt, und selbstverständlich hat im Laufe der Jahrhunderte auch ein Verschleiß eingesetzt. Das Schlimmste war jedoch, dass während des 1. Weltkriegs die originalen Zinnpfeifen des Prospekts abgegeben werden mussten. Eine Schande! Besonders, wenn man sich bewusst ist, wie sehr dieses Orgelprospekt in Ostfriesland die Vorstellung davon, wie eine Orgel auszusehen hat, geprägt hat! Minderwertige Zinkpfeifen, mit denen man nach dem Krieg Vorlieb nehmen musste, waren natürlich kein echter Ersatz. Erst die aufwendige Wiederherstellung des Instrumentes durch die Leeraner Orgelbauwerkstatt Ahrend in den Jahren 1972/73 verhalf der Orgel schließlich wieder zu ihrem alten würdigen Klang.

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