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Frau Holle aus dem bekannten Märchen der Brüder Grimm ist unschwer als eine alte Göttin zu erkennen, die ihren Platz schließlich im Märchen gefunden hat. Sie soll im Hohen Meißner wohnen, dem Berg, zu dessen Füßen Vockerode liegt. Insofern wäre es nicht ganz abwegig zu vermuten, dass die beiden jungen Frauen, die im Märchen die Hauptrolle spielen, von hier stammen.
Sicherlich kennen Sie die Geschichte von der armen Witwe, die zwei Töchter hatte, eine hübsche und fleißige und andererseits eine hässliche und faule. Die Mutter hatte jedoch die Faule lieber, weil sie ihr eigenes Kind war, und drangsalierte die Fleißige, ihr Stiefkind, mit immer neuen Aufgaben. Einmal musste sie so lange spinnen, bis ihre Finger blutig waren. Sie ging zum Brunnen, um die Spule zu waschen, wobei sie ihr aus der Hand glitt und in die Tiefe fiel. Die Stiefmutter zwang sie nun, in den Brunnen zu steigen, um die Spule wiederzuholen. Auf dem Grund des Brunnens betritt sie jedoch eine Anderswelt. Ein Backofen bettelt darum, die Brote aus ihm zu herauszuholen, weil sie sonst verbrennen. Das Mädchen kommt der Bitte nach. Als nächstes sieht sie einen Apfelbaum, der darum bettelt, geschüttelt zu werden, da alle Äpfel reif seien. Auch dieser Bitte kommt sie nach. Zuletzt kommt sie an ein Haus. Dort wohnt eine Alte mit auffällig großen Zähnen. Dabei handelt es sich um niemand anderen als Frau Holle. Nachdem sie ihre Angst vor der Alten überwunden hat, tritt sie in deren Dienst. Ihre Aufgabe ist vor allem, die Betten kräftig aufzuschüttelt, damit es auf der Erde schneit. Als sie um ihren Abschied bittet, bringt Frau Holle sie an ein Tor. Als sie hindurchgeht, um wieder in der Welt der Menschen zu gelangen, wird sie mit Gold überhäuft. Der Reim, den der Hahn nun kräht, ist zum geflügelten Wort geworden: „Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie!“
Weil die Goldmarie nach ihrem Brunnenabenteuer so reichlich belohnt worden ist, will die Stiefmutter natürlich, dass ihre eigene Tochter dem nicht nachsteht, und ermuntert sie, ebenfalls in den Brunnen zu steigen. Doch sie versagt auf ganzer Linie: Sie holt weder die Brote aus dem Ofen noch schüttelt sie den Baum, noch hat sie Ehrfurcht gegenüber Frau Holle oder schüttelt die Betten fleißig auf. Entsprechend ist am Ende ihr Lohn. Begleitet vom spöttischen Reim des Hahns wird sie am Tor mit Pech überschüttet, der sich zeitlebens nicht mehr abwaschen lässt.
In Volckerode kann man die beiden noch sehen, wie sie jeweils am Brunnen ihrem Schicksal entgegensehen. Geschaffen wurden die Bronze-Skulpturen von der Kasseler Künstlerin Erika Maria Wiegand. Ihr war es wichtig, den ursprünglich göttlichen Charakter der Frau Holle herauszustellen. Daher betont der eingravierte Schriftzug die letztlich naive Moral des Märchens: "Sie half den Guten und strafte die Bösen."