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Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle….

Das ist eines der vielen heute noch gesungenen Lieder, die ein sehr bekannter deutscher Dichter des 19. Jhds. komponiert hat. Doch nicht nur Kinderlinder gehören zu seinem Repertoire, durchaus nicht! Die Rede ist natürlich von August Heinrich Hoffmann v. Fallersleben, dem Dichter unserer Nationalhymne.
Er hatte als Professor für deutsche Sprache und Literatur in Breslau ein Gedichtband mit der Titulatur „Unpolitische Lieder“ herausgegeben, was gewissermaßen ein augenzwinkernder Etikettenschwindel war. Denn natürlich waren diese Lieder in aller Deutlichkeit politisch, zumal Hoffmann v. Fallersleben ein bekennender Anhänger der Idee eines einheitlichen und freiheitlichen deutschen Staates war. Aber genau das galt damals als Verbrechen!
In der ersten Hälfte des 19. Jhds. hatten die vielen deutschen Fürsten nämlich allesamt Angst vor der Revolution, wie sie in Frankreich stattgefunden hatte. Daher war jede Äußerung, die Freiheit und Einheit forderte, verboten. Die „Unpolitischen Lieder“ v. Fallerslebens ärgerten die preußische Regierung sogar dermaßen, dass er pensionslos seiner Professur enthoben wurde und 1843 seine preußische Staatsbürgerschaft verlor.
Infolgedessen war Hoffmann von Fallersleben ein politisch Verfolgter und staatenloser Flüchtling. Und als solcher machte er im Jahr 1845 in Otterndorf Zwischenstation. Trotz aller Widrigkeiten hat er seinen Besuch genossen, wie aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht:
„13. - 16. September 1845, im Lande Hadeln. Die Wohnhäuser sind reinlich und nett, und bequem eingerichtet. Die Felder sind sehr ergiebig. In den Gräben wächst Schilf, das als Viehfutter oder zum Dachdecken verwendet wird. Die Gärten bei den Häusern sind recht hübsch. Die Luft hat bei West- und Nordwind etwas Seeartiges. Es ist alles so wahr an diesen Leuten, dass man sich nicht wundern darf, wenn sie so fest stehen an diesen einfachen Begriffen von Freiheit und Recht.“
Sein Gastgeber hatte ihm eine Bretterbude am Strand bauen lassen, damit er sich zum Baden bequem umziehen konnte. Gewissermaßen finden sich hier also die Ursprünge der heutigen Otterndorfer Strandkabinen. Allein seine Abreise musste recht abrupt erfolgen, denn die königlich Hannoversche Gendarmerie verwies ihn schließlich des Landes, was bei den freiheitsliebenden Hadlern für große Empörung sorgte.
Übrigens hatte v. Fallerlebens Besuch in Otterndorf nichts Zufälliges an sich, denn er besuchte hier seine alten Bekannten Lange und Schmoldt, die genau hier vor Ort ihre Höfe hatten. Sie gehörten zu der Freundesgruppe, mit der sich der Dichter im Sommer 1841 auf Helgoland getroffen hatte, um mit ihnen kräftig zu feiern, zu trinken und Reden zu schwingen. Sobald seine Freunde abgereist waren, hatte eine Katerstimmung sich Hoffmanns bemächtigt. Er schrieb: „Das Wetter war schön, schöner noch die Erinnerung an diese lieben Leute aus dem Lande Hadeln. Ich fühlte mich sehr verwaist. Mir war so eigen zu Muthe, ich musste dichten, und wenn ich es auch nicht gewollt hätte.“ Er tut also genau das, was ein Künstler immer tut, wenn er am Leiden ist: Er wird produktiv. Und so beginnt er zu dichten: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland…“ Es ist also nicht vermessen festzustellen, dass Hoffmann v. Fallersleben ohne seine Hadelner Bekanntschaft nie das Lied der Deutschen gedichtet hätte!
Übrigens ist der Dichter nur einige Jahre später, im Jahr der großen deutschen Revolution von 1848, in Preußen rehabilitiert worden, ohne allerdings seine Professur in Breslau zurückzuerhalten.

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