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Die Villa Vehmeyer um 1958 vor ihrer Nutzung als Gemeindeverwaltung

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Die Villa Vehmeyer steht hier seit 1911 und hat die damals stattliche Summe von 11000 Reichsmark gekostet. Das ist aber eigentlich gar nicht das Besondere an diesem Haus, sondern vielmehr sein Bauherr.

Dr. med. Clemens Vehmeyer war ein medizinisches Urgestein, das bei seinen Patienten ehrliche Verehrung genoss. Unglaubliche 50 Jahre lang war er bis ins hohe Alter als praktizierender Arzt in Glandorf tätig. 1907 kam er als knapp 40jähriger hierher, obwohl er eigentlich ganz andere Pläne gehabt hatte: Er wollte ursprünglich als Kreisarzt in Meppen oder Osnabrück Karriere machen. Doch die Entscheidung, nach Glandorf zu gehen, erwies sich für beide Seiten als ausgesprochen günstig. Als Emsländer konnte er mit der Landbevölkerung entsprechend umgehen und entwickelte schnell einen Draht zu seinen Patienten – zu seinen vielen Patienten! Neben Glandorf gehörten ganze 8 weitere Dörfer zu seinem Einzugsgebiet. So schwang er sich bei jedem Wind und Wetter auf sein Fahrrad und machte sich auf den Weg. 25 Drahtesel soll er während all dieser Jahre verschlissen haben. Mit einem gelblichen Mantel angetan, engen, gestreiften Hosen und einem schwarzen Hut, unter dem sein rotes Haar hervorblitzte, erkannte man ihn schon von weitem.

Zu Vehmeyers Zeiten ging alles noch wesentlich rustikaler zu: Keimfreiheit war ein Fremdwort, Antibiotica waren noch nicht existent und die Diagnostik war eine Sache der Erfahrung, denn Ultraschall, Röntgen und Blutbild waren im ländlichen Alltag noch nicht üblich. Jeder Schritt musste verantwortungsvoll bedacht sein, aber manchmal auch mit grober Entschlossenheit getan werden.

Die Utensilien, mit denen er unterwegs war, waren überschaubar: Ein Taschenmesser benutzte er als Skalpell, eine Handvoll Pessare klapperten an seinem Lenker herum, eine einzelne Spritze mit einigen Kanülen hatte er lose in der Tasche. Dazu kamen ein Blutdruckmessgerät und zwei, drei Dosen mit Tabletten.

Obwohl er allgemein als gute Partie galt, blieb der alte Vehmeyer bis zu seinem Tod unverheiratet. Allerdings auch nur ganz knapp. Die Tochter eines Glandorfer Amerikaauswanderers war auf Besuch in der alten Heimat, und da die Person ausgesprochen ansehnlich war, weckte sie das Interesse des Doktors. Tatsächlich wurde man sich bald einig und die Hochzeitsvorbereitungen wurden getroffen. Doch am Abend vor der Hochzeit bekam er plötzlich kalte Füße. Kurz entschlossen flüchtete er angeblich wegen zerrütteter Nerven ins ferne Bayern. Die sitzengelassene Braut war tief verletzt und kehrte alsbald nach Amerika zurück. Um seine Patienten aber nicht alleine zu lassen, hatte Vehmeyer zwei Medizinstudenten als Vertretung eingekauft. Die beiden ließen es sich in Glandorf gut gehen und verflüssigten ihr Honorar in den hiesigen Kneipen. Als nach einer Weile ein Brief von Vehmeyer kam, in dem er seine Gesundung und baldige Rückkehr verkündete, überlegten die Studenten, wie sie ihr Wohlleben noch etwas verlängern könnten. Schließlich schrieben sie dem Doktor, dass sie sich freuten, dass es ihm wieder besser gehe. Was für ein Glück! Dann könne er ja doch noch seine Braut heimführen, die noch immer in Glandorf auf ihn warte. Wenige Tage später bekamen die Studenten erneut einen Brief, in dem der Doktor erklärte, er habe einen Rückfall erlitten und müsse leider noch weiter kuren. Somit konnten die Studenten noch ein paar Wochen länger ihr Geld bei den Wirten von Glandorf lassen.

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