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Das Pfarrhaus der kath. Kirchengemeinde St. Johannis um 1913

 

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Herrgott nochmal! Donner und Doria! Ich weiß, man soll nicht fluchen und als Pastor schon gar nicht. Aber das ist nun wirklich eine Zumutung!

Ich, Pastor Hülster, verfüge über einen außerordentlich guten Ruf. Allenthalben bescheinigt man mir Talent und Charakterstärke. Mir ist sogar vom hannoverschen König der Guelphenorden IV. Klasse verliehen worden. - Eine Ehre, die noch keinem anderen Pfarrer zuteilwurde. Und trotzdem muss ich mich mit einer solchen Unsäglichkeit herumplagen! Das Pfarrhaus, in dem ich wohne, ist inzwischen 200 Jahre alt, ein arg bescheidener Bau, den sich die gebeutelte Gemeinde Glandorf nach den düsteren Tagen des Dreißigjährigen Krieges geleistet hatte. Es ist baufällig, finster, kalt, und feucht! Kein Wunder, wenn man hier Keuchhusten und Rheumatismus bekommt! Die Ärzte, die mich behandeln, waren sich allesamt darin einig, dass jegliche Arznei mir nur wenig helfen würde. Eine gesunde Wohnstatt, ja, die sei die einzig nötige Medizin für mich. Zumindest, wenn ich denn auf Gottes schöner Erde noch einige Jahre länger fristen wolle! Bereits im Jahr 1841 bat ich die Verwaltung unseres Bistums, das Katholische Konsistorium, um Unterstützung in dieser Angelegenheit. Die hohen Herren konnten sich aber nicht recht entschließen, da in Glandorf ohnehin noch eine Wohnung für den Kaplan gebaut werden solle und beides zusammen ja wohl die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde sprenge.

Und wenn die Bürokratie nicht recht weiß, was sie tun soll, dann schiebt sie die Unterlagen von einer Ablage in die nächste! So dauerte es ganze zwölf Jahre, bis mir das Konsistorium endlich zusagte, es werde die Sache an das königliche Amt Iburg weiterleiten. Dieses beauftragte den Herrn Landbaumeister Doeltz, einen Entwurf zu fertigen. – Aber der war wirklich unzumutbar! Deshalb entwarf ich kurzerhand einen eigenen Plan! Doch dem örtlichen Kirchenvorstand war sowohl das eine als auch das andere viel zu teuer. Das Amt Iburg wurde wegen des ganzen Hin und Her bald ungeduldig, so dass es entschied, die Sache ruhen zu lassen, und zwar aus Gründen der angeblichen „Fürsorge für meine Person“! Ja, mein angeschlagener Gesundheitszustand erlaube mir sicherlich gar keinen Umzug! Das schlug dem Fass den Boden aus!

In meiner Not wandte ich mich nun direkt an den Bischof in Osnabrück. Der half mir allerdings auch nicht weiter. Stattdessen hatte inzwischen das Katholische Konsistorium gegen meinen Willen den Stadtbaumeister Richard mit einem erneuten Gutachten beauftragt. Aber das, was der sich hatte einfallen lassen, war wiederum nichts als Unsinn!

Mittlerweile glaube ich, dass ich es nicht mehr erleben werde, wenn Glandorf ein neues Pfarrhaus bekommt!

Als Pastor Hülster 1868 starb, hatten sich seine finsteren Vorahnungen erfüllt: Zu seiner Zeit gab es kein neues Pfarrhaus für Glandorf. Doch noch im selben Jahr schaltete sich der Bischof direkt ein. Das Grundstück neben der alten Pfarrei konnte günstig dazugekauft werden. Konsistorium, Kirchenvorstand, der neue Pfarrer Landwehr und das Amt Iburg einigten sich rasch auf einen neuen Entwurf und schon – nur 27 Jahre nach dem ersten Antrag des Pastors Hülster – wurde feierlich die Grundsteinlegung der neuen Pfarrei begangen.

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