Ein Blick in den Spiegel...

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Na, Hermann Laurenz? Wenn ich dich so im Spiegel betrachte: Der Jüngste bist du nicht mehr. Aber dafür hast du auch einiges geschafft! Ein erfolgreicher Fabrikant bist du, von deinem Umfeld hochgeachtet, hast fünf gelungene Kinder, drei Söhne und zwei Töchter – und bekommst heute von seiner kaiserlichen Majestät den Titel eines Geheimen Kommerzienrates zuerkannt! Wer hätte das damals gedacht, bei so bescheidenen Anfängen? Großvater hatte das alte Ackerbürgerhaus in der Bergstraße 58 gekauft und mein Vater Anton hatte hier seine Familie gegründet. 10 Kinder hat meine gute Mutter Klara hier geboren, ich der Älteste von allen. Nur fünf von ihnen erreichten das Erwachsenenalter, ja, so war das damals. Ach, und Vater! Er war keineswegs unrecht, und ich glaube, dass ich meine Nase fürs Geschäft größtenteils von ihm habe. Aber er war eben ein Mann es letzten Jahrhunderts. Wie er darauf bestand, dass ich ein anständiges Handwerk lernen sollte. Ihm zu Gefallen wurde ich Bäcker, dabei war das so gar nichts für mich!
Doch erst als ich ihm drohte auszureißen, ließ mich Vater endlich damit in Ruhe.
Die Welt war so groß und ich hatte so viele Ideen! Und eine davon war schließlich der entscheidende Glücksgriff! Ich hatte nämlich erkannt, dass die Leinenweberei, das altehrwürdige Handwerk, das in Ochtrup fast unter jedem einzelnen Dach betrieben wurde, vor dem Aus stand. Von Holland her kam die Baumwollweberei zu uns, mit einem Spinngarn aus Übersee, das sich zu feinerem Tuch verarbeiten ließ. Ha, ich weiß noch genau, wie Vater und Onkel Bernhard, mein heutiger Schwiegervater, mich angesehen haben, als ich ihnen als leicht windiger Jungspund mit der Idee kam, eine Firma zu gründen, die statt Leinen englische Baumwolle an die Heimweber verteilte! Aber eines muss ich ihnen lassen: Nachdem sie sich das Ganze hatten durch den Kopf gehen lassen, vertrauten sie mir ihr sauer verdientes Geld und ihren guten Namen an, um die Handweberei und Handelsgesellschaft „Anton und Bernhard Laurenz“ zu gründen. 1854 war das. Unglaublich, ganze 25 Jahre ist das schon her!
Als Geschäftsführer ließen sie mir weitgehend freie Hand, allerdings bekam ich noch meinen Bruder Heinrich zugeteilt. Vielleicht nicht die schlechteste Entscheidung, denn Heinrich und ich, wir sind ein wirklich gutes Gespann!
Aber das alte, kleine Fachwerkhaus hier in der Bergstraße blieb natürlich erst einmal dasselbe. Wenn ich mir das heute überlege! Ein Zimmer diente als Lagerraum, unter einer großen Treppe standen die Fässer mit dem Garn. Hier fand auch das Abwiegen der Garne statt sowie das Messen und Verpacken der fertigen Nesseltuche. Das Kontor, soweit davon überhaupt die Rede sein konnte, war eine winzige dunkle Kammer mit einem Schreibpult und einem Stuhl als einziger Ausstattung.
Gut, aber das ist zum Glück ja heute kaum noch wahr. Statt des Ackerbürgerhauses steht hier nun schon seit einigen Jahren eine schöne klassizistische Villa, die mir der Münsteraner Diözesanbaumeister Hilger Hertel hierhergesetzt hat. Naja, seien wir mal ehrlich, etwas repräsentativ darf es schon sein. Immerhin stehen die „Gebrüder Laurenz“ für ein hochmodernes Textilunternehmen mit vielen hundert Mitarbeitern, das von Dampfkraft angetrieben in eine glänzende Zukunft steuert!
So, Hermann Laurenz, Geheimer Kommerzienrat, jetzt zieh dir endlich deinen Frack an! Die anderen warten sicher schon. Jetzt wird gefeiert!